Wildwestfilme

„Indianer“ als Feind des weißen Mannes und der edle Wilde

In den 1920er Jahren ist die indigene Bevölkerung Amerikas durch Kriege, systematische Ermordung und Zwangssterilisation dezimiert und entrechtet. Die sogenannte „Indianerfrage“ sollte seit dem Dawes Act 1887 durch Assimilierung gelöst werden. Unter dem Motto „Kill the indian, save the man“ wird den Indigenen das Ausüben ihrer Kulturen und das Sprechen ihrer Sprachen verboten; indigene Kinder werden einer Zwangserziehung unterzogen.

Gleichzeitig wird eine Karikatur indigener Menschen und Kultur zum festen Bestandteil der Popkultur. In unendlichen Variationen wird der Mythos von der „frontier“ erzählt: das wilde Land wird durch den weißen Mann gezähmt. Der Völkermord wird durch die Überlegenheit der europäischen Kultur rechtfertigt und die Kulturen der indigenen Völker missachtet und systematisch vernichtet.

„(…) warum sollen wir also nicht Wildwest-Filme machen mit rotbraun angestrichenen Statisten, die dann wie wilde Indianer aussehen, wie man sie vor Jahrzehnten in den Buden auf den Meßplätzen und Schützenfesten gesehen hat!“

Dieser Beitrag in der Filmzeitschrift „Der Kinematograph“ vom Juli 1920 zeigt, dass von den ursprünglichen Einwohnern Amerikas im deutschen „Wildwest-Film“ nur noch rassistische Karikatur übriggeblieben sind, die Jahrmärkten und Groschenheften entliehen sind. Der „Indianer“ ist auf seine Funktion reduziert, der Feind des „weißen Mannes“ zu sein.

Auf der anderen Seite des Spektrums gab es damals schon den Stereotyp des „edlen Wilden“. So schrieb Thea von Harbou, die eine glühende Verehrerin Karl Mays war:

„Ich leugne durchaus nicht, daß die Liebe zu diesem ‚roten Gentleman‘ weit bestimmender für die Entwicklung meines Charakters war als alle besten mir erteilten Lehren; denn immer war in mir die Sehnsucht, gütig, tapfer, ritterlich und schweigsam zu sein, wie Winnetou es war.“  (Zit. nach dem Widerabdruck: Thea von Harbou: Meine erste Liebe. In: Karl-May-Jahrbuch 1927. Hrsg. von Euchar A. Schmid u. a. Radebeul o. J., S. 494ff.)

In den 20er und 30er Jahren gab es mehrere – gescheiterte – Anläufe, den Winnetou-Stoff für das Kino zu adaptieren. Heute wie damals ist das Phänomen Winnetou aber nicht auf ernsthaftes Interesse an der indigenen Bevölkerung Amerikas zurückzuführen, sondern auf eine spezifisch deutsche Form des Eskapismus.